Reisen mit Murphy

Was schief gehen kann... Eine Abrechnung mit dem Fehlerteufel.

Was schiefgehen kann, geht schief. Wusste schon Murphy. Und insbesondere Reisende haben den abgedroschenen Spruch immer im Handgepäck. Wir natürlich auch. Glücklicherweise muss man sagen, dass auf unseren vielen Reisen bisher erstaunlich wenig in die Hose ging. Oder nicht klappte. Master Fuck-ups sind selten. Vereinzele Turbulenzen dagegen gibt es fast immer, wenn man sich auf eine Reise begibt. Auch unser Kanada-Trip begann jetzt mit einem Schluckauf.

Wir planen mit wirklich entspannten Pausen auf Flughäfen. Macht Sinn, wenn man lange Strecken überwinden will und nicht zusammenhängende Buchungen tätigt. Morgens geht’s in Hamburg los. Nach Düsseldorf. Wie einfach. Aber Eurowings hatte uns auf den letzten drei Flügen schon geärgert. Jeweils bis zu 90 Minuten Verspätung. Die Airline soll uns dieses Mal keine Probleme bereiten. Wir wollen ja immerhin bis nach Kanada.

Das Routing: Hamburg -> Düsseldorf -> London -> Montreal.

Satte vier Stunden Aufenthalt in Düsseldorf. Der erste Flug ist pünktlich. Prima! Leider soll uns Düsseldorf aber länger als geplant festhalten. Denn British Airways versemmelt es. Die Verspätungsanzeige pingt nervös hin und her. Noch im hellgelben Bereich. Zwei Stunden in London hätten wir. Nicht üppig, aber Umstieg innerhalb von Terminal 5. Rund 30 Minuten, um halbwegs entspannt die Flieger zu wechseln. Und die Verspätung liegt derzeit bei einer halben Stunde. Murphy flüstert, die Nase juckt. Ungutes Vorzeichen.

Teckies sind zuerst alarmiert

Zuckende Verspätungsanzeigen. So etwas sehen nur Teckie-Traveller. In der App „Flighradar24“ zum Beispiel. Oder mit dem Service von „CheckMyTrip“ und eingeschalteter Benachrichtigungsfunktion. Während die meisten Passagiere noch ruhig auf den Bänken am Flugsteig dösen, sichern wir uns bereits den nächsten Platz im Restaurant oder an der Tränke. Denn die Flughafenanzeige ist meist das letzte Device mit realem Update.

Dreiviertelstunde Delay. Schlecht. Flightradar24 zeigt den ankommenden Flug BA941 noch in London Heathrow. Nicht gut. Knapp eine Stunde braucht die Maschine hierher. Jetzt wird’s knapp. Das Flugzeug hebt ab, meldet die App. Nikki lächelt. Aber wir wissen es beide. British Airways wird es verkacken.

Es sind selten Menschen, die eine Reise verderben.

Wir geben uns so optimistisch wie es geht. Aber Murphy kugelt sich vor Lachen am Gate. Wir schauen weg. Er weiß, dass wir ihn sehen. Die Maschine landet. Rechnerisch ist alles möglich. Ein hinterlistiges Spiel mit den Nerven. Start von Düsseldorf in Richtung London. Die Crew – zuckersüß. Es sind ja selten die Menschen, die eine Reise verderben. Es sind Systeme. Umstände. Kismet. Murphy, die Drecksau. Wir sollen in die erste Reihe. Beste Voraussetzungen für einen Sprint. Der Purser macht uns Mut. Aber wir stellen die richtigen Fragen. Und er bemerkt, dass wir sein mitleidiges Augenzucken richtig interpretieren, während er einen Gin Tonic serviert. Für die Nerven. Diesmal ist es ein Longdrink für Verlierer.

Zu spääääät

Dennoch fingert er bei der Landung am iPad, ruft die Gate-Nummer, dann ein herzliches „Good Luck“!

Wir rennen. Echt jetzt. Sprint. Wie im Film. Lange, weit. Die Brust brennt. Ein Pärchen überholt uns. Naja, 15 Jahre jünger. Wettrennen nach Montreal. An der entscheidenden Stelle sind wir wieder vorn. Last Security. Hier wird die Hoffnung sterben. Aber wirklich zuletzt. Denn die Dame ruft: „You are rebooked“. Zuerst wurden wir ausgebucht. Jetzt wieder auf der Maschine. Doch nicht? Das Gepäck. Fuck. Ausgeladen. Danke British Airways. Keine zehn Minuten zu spät. Egal, schmettert Murphy, zu spääääät.

Natürlich ist die Dame nett, das arme Kind am „Customer Service“-Schalter. Und wir haben nix gegen sie. Persönlich Aber unser Urlaub ist einen Tag kürzer. Super schwierig, das gleiche nicht mit ihrem Kopf zu probieren. Arrglll! Fuck you, fucking British Airways! Fuck youuuuuuu!

Dünne dämliche Broschüre und ein weißes T-Shirt

Wir wissen, was kommt. Eine dünne dämliche Broschüre mit unseren Rechten. Das betroffen dreinschauende Mädel dreht sich um, greift in den halbleeren Karton mit den Plastiktütchen für Gestrandete. Zahnbürste, Toilettenartikel, Sleep-Shirt. Auf dem Shirt ist natürlich kein Airline-Logo. Hätte man sonst jahrelang zum Schuheputzen nehmen können. Drecksairline. Egal.

Pärchen todtraurig: In den Flitterwochen gestrandet

Das junge Pärchen steht wieder neben uns. Todtraurig. Am Boden zerstört. Aufgeregt. Kein Wunder. Es ist ihre Hochzeitsreise. Fehlstart in die Flitterwochen. Wir trösten. Können wir auch. Denn unsere Hochzeitsreise begann exakt genauso. Nach Mauritius sollte es damals gehen, gestrandet in Paris. Drama am Flughafen. Das Gezeter half nix. Hotelzimmer mit Blick auf einen Friedhof. Jetzt zwinkern wir den Frischvermählten zu: „Seht Ihr, ein gutes Omen. Die Ehe hält“. Und diese Scheiße passiert nur alle zehn Jahre. Hoffentlich.

Seit vielen Jahren packen wir unsere Sachen mit exakt mit diesem Worst-Case-Szenario im Hinterkopf. Eine kleine Murphy-Versicherung. Alles, was wir brauchen, steckt im Handgepäck. Es ist gar nicht so viel, was man wirklich bei sich haben muss.

Was man wirklich im Notfall braucht

Bargeld. Kreditkarte. Handy. Zusatzakku. Weltadapter für Strom. Notwendige Tabletten. Zuversicht.

That’s it. Wer jetzt optimieren möchte, investiert in Technik. Skype mit Guthaben für wichtige Gespräche (Airline, Kontakte zu Hause, Reisebüro, Hotel). Vielleicht Skype WiFi (findet immer günstige WLans). Datenpass für günstiges Roaming. Apps der Airlines.

Showdown am Schalter. Wer Lust auf eine kloppeharte Diskussion hat, lehnt das erste Hotel der Airline (sie schlagen immer eine beschissene Herberge als die einzige Möglichkeit vor) rundweg ab. Damals in Paris fuhren wir blind und enttäuscht vom verpassten Flug zum ersten „Hotel“. Abartig. Dosenfutter aus dem Automaten. Wände wie Papier. Dreckig ohne Ende. Aus der Voyage d‘amour wäre ein Trip to hell geworden. Wir drehten auf dem Absatz um, zurück zum Flughafen. Nach zwei Stunden Zetern, Schreien, Betteln und Drohen mit dem Den Haager Gerichtshof hatten wir den Eis-Engel am Air France Schalter weich. „Das habe ich in 20 Dienstjahren noch nie gemacht“, seufzte sie ermattet. Reichte uns einen Zettel mit einem klangvollen Hotelnamen. Wir schwebten davon.

Scheiß-Hotel. Klar.

Dieses Mal hatten wir keine Lust auf ein zeit- und kräftezehrendes Programm. Jaja, los geht’s. Scheiß-Hotel. Klar. Drecks-Dinner, geahnt, geschenkt. Aber: Nettes Personal an der Bar. Zwei Gin-Tonic. Zufrieden, den Umständen entsprechend. Erste Urlaubsnacht in London. Herrje, gibt Schlimmeres.

Jetzt sitzen wir im Flieger nach Montreal. British Airways hat aufgegeben. Wir fliegen mit Air Canada. Fun-Fact: Dreiviertelstunde Delay. Aber nun über dem Atlantik. Französische Prickelbrause im Glas. Murphy stand nicht auf der Passagierliste, soweit wir sehen konnten. Ob er vorgeflogen ist? Wir wissen es nicht.

Reisen mit Murphy. Er zeigt Dir die Zunge. Den Finger. Wie er mag. Taucht unversehens auf. Verschwindet unerkannt. Klar ist, wir treffen ihn wieder. Vielleicht erst im zehn Jahren. Vielleicht früher. Wir werden berichten.

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