Reisebericht Bolivien: Copacabana und der Titicacasee

Titicacasee BolivienWir fahren auf der legendären „Panamericana“, der Straße, die Alaska in Nordamerika mit Feuerland im südlichen Südamerika verbindet. Riesige Schlaglöcher gieren nach den Kleinbusreifen. Unser peruanischer Fahrer ist ein versierter Lenker. Er tanzt zackig und professionell zwischen Schlaglöchern und Gegenverkehr. Wir sind früh in Puno (Peru) aufgebrochen, um nach Copacabana in Bolivien zu kommen. Von dort aus wollen wir den Titicacasee erkunden, den mit 3812 Metern höchsten schiffbaren See der Erde. Hier kommt unser Reisebericht Bolivien: Copacabana und der Titicacasee

Nur ein paar Schritte von Peru nach Bolivien

Nikki auf der Grenze zwischen Peru und Bolivien.

Nikki auf der Grenze zwischen Peru und Bolivien.

Die Grenzformalitäten zwischen Peru und Bolivien sind flink erledigt. Wir marschieren zu Fuß durch das steinerne Grenztor. Der Bolivianer Rodrigo empfängt uns. Die nächsten zwei Tage wird er uns als Guide begleiten. Rodrigo ist in Deutschland aufgewachsen, kennt also die europäische und die südamerikanische Mentalität. Als Grenzgänger kann er die unterschiedlichen Mentalitäten glänzend beurteilen und zwischen den Kulturen vermitteln.

Copacabana liegt in Bolivien

Wir halten in Copacabana. Dem wichtigsten Wallfahrtort Südamerikas. Hier wacht die „dunkle Jungfrau“ in der Basilika über die Menschen am Titicacasee, ist die Patronin von ganz Bolivien. Die Figur mit der Krone aus Gold wurde 1576 aus dunklem Holz geschnitzt – damals ein Skandal für die Kirche. Heute ist sie die Schutzheilige für alle Bewohner des Titicacasees. Und Anziehungspunkt für alle gläubigen Menschen. Gesegnet werden nicht nur die Gläubigen, sondern auch Gegenstände wie Autos.

In Bolivien werden auch Taxis gesegnet

Copacabana in Bolivien am Titicacasee.

Copacabana in Bolivien am Titicacasee.

Katholizismus und alte Schamanenbräuche haben sich hier in Bolivien vermischt. Die Segnungen nehmen eine Nonne und ein Schamane vor. Nicht gemeinsam, sondern im Abstand von ein paar Minuten. Man kennt sich, sorgt aber für Distanz. Wir stehen auf dem Platz vor der Basilika und wundern uns über eine wartende Kolonne von Taxis aus ganz Bolivien und sogar aus Peru. Unser Guide Rodrigo lacht: „Die wollen alle den Segen für ihre Fahrzeuge. Wenn es in der Großstadt La Paz einen Unfall gibt heißt es oft: Aha, wohl nicht in Copacabana gewesen…“ Wir bestaunen die Prozedur. Die Nonne wandelt zwischen den Taxis umher, verspritzt Weihwasser in die geöffneten Motorhauben. Bunte Blumenkränze schmücken die Fahrzeuge. Menschen singen, eine Kapelle spielt. Dann fließen Bier und Sekt. Der Schamane hält sich im Hintergrund kommt etwas später…

Auto-Segnung in Cobacabana, Bolivien.

Auto-Segnung in Cobacabana, Bolivien.

Rund um den Platz drängen sich Kioske mit kuriosen Devotionalien: Kleine Autos, Häuser, Babypuppen, Spielgeld. Rodrigo: „Das ist kein Kinderspielzeug. Die Menschen hier kaufen die Dinge, von denen sie träumen.“ Wer ein Puppenhaus kauft, möchte sich ein Eigenheim bauen. Ein Bündel Scheine soll für Geldsegen sorgen, ein Pass und Visa für eine schöne Reise und so weiter. In der Basilika ist es ruhiger, die dunkle Jungfrau steht im zweiten Stock hinter Glas. Sie blickt Richtung See. Übrigens: Im 19. Jahrhundert gelangte eine Kopie der schwarzen Jungfrau von Copacabana nach Rio de Janeiro in Brasilien. Der heute berühmte Strand wurde nach ihr benannt…

Mit dem Tragflügelboot auf den Titicacasee

Titicacasee Panorama: im Hintergrund die stolzen Kordilleren.

Titicacasee Panorama: im Hintergrund die stolzen Kordilleren.

Wir bummeln hinunter zum Ufer des Titicacasees, steigen auf ein Tragflügelboot. Rodrigo will uns die Inseln des Sees und seine Bewohner zeigen. Erster Stopp ist die so genannte Mondinsel. Wir steigen einige Stufen bis zu einer der ersten Terrassen hinauf. Der Atem geht schwer. Auf über 3800 Metern ist die Luft einfach zu dünn für große Sprünge. Die Ruinen eines alten Tempels sind nicht sehr spektakulär. Der Ausblick schon. Am Horizont reihen sich einige Gletscher auf. Die Sechstausender der Kordilleren (Faltengebirge Amerikas) glänzen in der Sonne. Auf der Mondinsel lebten früher Jungfrauen. Die Mädchen wurden vorbereitet auf die Rolle als Frauen des Königs oder als Tempeldienerinnen im ganzen Land. Ein Teil der Jungfrauen endete tragisch als Opfer. Heute leben nur noch wenige Indianer auf der Insel.

Die Treppe auf der Insel Isla del Sol.

Die Treppe auf der Insel Isla del Sol.

Weiter mit dem Tragflügelboot über den Titicacasee. Der Wind ist kühl, aber die Sonne brennt. Mütze auf und starke Sonnencreme schützen vor der Strahlung in dieser Höhe. Die Sonneninsel (Isla del Sol) taucht vor uns auf. Mit 14 Quadratkilometern ist sie das größte Eiland im Titicacasee, 2000 Menschen leben hier. Gleich in der Nähe des Ufers befindet sich ein alter Inkabrunnen. Wir tauchen die Hände in die drei blubbernden Quellen. Das soll für eine starke Gesundheit sorgen. Sofort wirkt das aber nicht, stellen wir fest, als wir die alte Steintreppe hinaufsteigen. Alle zehn Stufen ist Pause angesagt – zu wenig Sauerstoff hier oben.

Lunch auf der Sonneninsel “Isla del Sol”

Zum leckeren Mittagessen mit Forelle aus dem See und Coca-Tee zur Stärkung erzählt Reiseführer Rodrigo über das Leben in Bolivien: Die Rolle der indigenen Völker wie Quechua und Aymara (über 70 Prozent der Bevölkerung) wird seit einigen Jahren durch den Präsidenten Evo Morales gestärkt. Rodrigo: „Er selbst ist Indianer, versteht die Sorgen der Menschen hier.“ Nach seiner Wahl verstaatlichte Morales die Erdgasindustrie und leitete einen Teil der Erlöse in soziale Projekte für die notleidende Bevölkerung. Das brachte ihm gerade bei der indigenen Bevölkerung, den Ärmsten der Armen, weitere Sympathien ein. Rodrigo: „Er hat viel für Bolivien getan. Aber es ist noch ein weiter Weg zu gehen.“ So gehen viele Kinder nicht zur Schule, weil der Weg zu weit und zu teuer ist. Ärztliche Versorgung oder sogar Ernährung sind keine Selbstverständlichkeit – 60 Prozent der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Trotz seiner reichen Bodenschätze gehört Bolivien daher zu den ärmsten Staaten Südamerikas.

Die schwimmenden Inseln der Urus

Alles aus Schilf: die Urus leben im Titicacasee auf schwimmenden Inseln.

Alles aus Schilf: die Urus leben im Titicacasee auf schwimmenden Inseln.

Wir fahren mit dem Boot zu einer weiteren Besonderheit auf dem Titicacasee – den schwimmenden Inseln der Urus. Diese Indianer leben seit Jahrhunderten auf Inseln aus Schilf, die sie selbst herstellen. „Freiheit ist der Grund für die seltsame Lebensweise“, erklärt Rodrigo. Die Urus wollten ein ganz eigenes Leben führen. Und zahlen einen hohen Preis dafür: Die Schilfinseln sind sehr arbeitsintensiv und pflegebedürftig. Rodrigo: „Jede Woche muss neues Schilf nachgelegt werden.“ Sonst gibt’s nasse Füße. Mitten auf dem Titicacasee steigen wir von unserem Tragflügelboot auf ein kleines Boot der Urus um. Kurze Zeit später legen wir an einer der Schilfinseln an.

Urus sitzen auf Ihren Schilfmoebeln.

Urus sitzen auf Ihren Schilfmoebeln.

Die ersten Schritte sind unsicher. Der Boden gibt nach, ist weich. Schilf eben. Alles ist hier aus der Pflanzenfaser gemacht – die Hütten, die Sitzgelegenheit, alles. Der Inselchef begrüßt uns auf Aymara, der alten Sprache dieser ethnischen Gruppe. Die Familien sind freundlich, lachen uns an. Die Kinder tollen um uns herum, schlagen Purzelbäume, blinzeln neugierig in die Kamera. Wir kaufen ein paar Handarbeiten, unterstützen so den Lebensunterhalt der Urus. Wir verabschieden uns von diesen freundlichen Menschen, fahren mit dem Boot Richtung Huatajata. Plötzlich schlägt das Wetter um. Binnen Sekunden ziehen dunkle Wolken über dem Titicacasee auf. Die Kordilleren sorgen für diese blitzartigen Wetterphänomene. Sonnenschein war eben, jetzt schlagen die Wellen hoch, Regen prasselt herunter.

Mit dem Bus nach La Paz

Blick auf La Paz bei Nacht, Bolivien.

Blick auf La Paz bei Nacht, Bolivien.

Wir fahren mit dem Bus weiter in Richtung La Paz. La Paz ist nicht die Hauptstadt Boliviens, aber der Regierungssitz. Es ist schnell dunkel geworden. Gewaltige Gewitter kämpfen am Himmel. Es hagelt. Schneeregen. Eine Stunde später ist urplötzlich alles vorbei. Wir rollen durch das Verkehrsgewirr von El Alto. Diese Stadt liegt oberhalb von La Paz und hat mit knapp einer Million Menschen mittlerweile sogar mehr Einwohner. Hier sollten Fremde nachts nicht durch die Gassen gehen, warnt Rodrigo. Viele Bewohner hier sind bettelarm… Viele Bolivianer träumen von einem Leben in La Paz. Die meisten kommen nicht bis hinunter in die Stadt. Sie bleiben oben im billigeren El Alto hängen. Oft ein Leben lang. Wir sehen Ruinen, Baracken, Hütten, Indianer, die in Zelten leben. Schmutzige Industrieviertel, Armut, aber auch elegantere Häuser.

Der Höhenunterschied von El Alto zum angrenzenden La Paz ist enorm – rund 1000 Meter hinunter geht es in den Talkessel von La Paz. Das nächtliche Lichtermeer beim ersten Blick auf La Paz ist atemberaubend. Das sanfte Orange zieht sich wie ein riesiges Lichternetz den Hang hinunter. Die Stadt hier unten ist kein Vergleich zum ärmlichen El Alto – Leuchtreklamen, teurere Autos, größere Autos, Geschäfte, Kinos. Eine moderne andine Großstadt. Wir checken im Hotel Europa ein. Mit den Wahlbeobachtern der EU, die die Präsidentenwahl nächste Woche im Auge behalten sollen….

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1 comment

  1. Hallo Reisefreunde, wann gibt es denn einen neuen Bericht von euch? Ich kenne jetzt schon alle. ;-)

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