Reise-Reportage Belgrad – Serbiens aufstrebende Metropole

Belgrad WohnblockEs gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck. Zum Glück muss man sich ja nicht an alle Regeln halten. Sonst hätte Belgrad verloren. Denn auf dem Weg vom Flughafen in die Hauptstadt Serbiens säumen die spätsozialistischen Wohnriegel des letzten Jahrtausends die Autobahn. Trist, grau, alt. Zusätzlich verschandelt mit Tausenden Propellern klappernder Klimaanlagen und blechernen Tellern der Satellitenanlagen, die den Bewohnern auf Knopfdruck eine virtuelle Flucht in andere, buntere Welten ermöglichen. Doch wir geben Belgrad eine zweite Chance für einen ersten Eindruck. Zum Glück. Zu unserem Glück – wir hätten sonst diesen besonderen Charme der aufstrebenden Metropole zwischen den Flüssen Save und Donau verpasst. Hier ist unsere Reisereportage nach Belgrad, Serbien.

Geld tauschen. Taxi fahren. So geht das in Belgrad

Flughafen „Nikola Tesla“, 18 Kilometer vor Belgrad. Natürlich wissen wir, dass man nicht die erste Geldwechselstube nach dem Kofferband nimmt. Und wir kennen auch die trickreichen Taxifahrer, die besonders schnell und nachdrücklich eine Mitfahrgelegenheit offerieren. Wir sind weit gereist und haben solch teure Fehler schon vor Jahren abgestellt. Auch hier am Flughafen in Belgrad gibt’s diese harmlosen Fallen, die ein paar Extra-Euro kosten. Geld ziehen wir ganz simpel am Automaten. Und wir holen uns einen Voucher für die Taxifahrt in die City – ganz offiziell. Ohne diesen Schein fährt unser Taxifahrer Bojan auch gar nicht los, sagt er. Verboten. Und ein paar Kilometer weiter lächelt er dann: „Wenn Ihr wieder zurück zum Flughafen wollt, kann ich Euch günstiger fahren.“ Dann verdient die Behörde nicht mit, murmelt der freundliche Serbe in seinen schwarzen Dreitage-Bart. Statt umgerechnet 17,50 Euro soll die Fahrt dann nur rund 13 Euro kosten – 500 serbische Dinare weniger. Überhaupt ein netter Mann am Steuer. Wir lassen uns seine Karte und Telefonnummer geben.

Knez Mihailova ulica: Die Fußgängerzone im alten Teil Belgrads.

Knez Mihailova ulica: Die Fußgängerzone im alten Teil Belgrads.

Über eine der Save-Brücken fahren wir ins alte Belgrad, den historischen Teil. Hier mündet die Save in die Donau. Serbien ist zwar ein Binnen-Staat, aber Belgrad kann nicht über zu wenig Wasser klagen… Das Hotel ist klasse, das Zimmer geräumig. Wir nehmen einen Snack im Restaurant. Und wieder staunen wir – an der Rezeption, im Lokal – überall extrem freundliche Menschen, hilfsbereit und auskunftsfreudig. Und das nicht nur, weil Nikki die Sprache gut beherrscht. Alle geben sich Mühe, mit Michi englisch zu sprechen und honorieren seine paar Brocken serbisch mit Lob und einem anerkennenden Lächeln.

Hip, cool, traditionell – Spaziergang durch Belgrad

Bei einem ersten Spaziergang durch die City blitzt hier und da der alte Ostblock-Charme durch, die entsprechenden Gebäude haben schon bessere Zeiten gesehen. Doch dazwischen überall Aufbruch. Hippe Cafés, coole Restaurants und moderne Klamottenläden. Die Straßen sauber, der Verkehr fließt unaufgeregt. Die Menschen mögen hier bequeme Kleidung, daher auch überall Läden, die lässige Streetwear und Trainingsklamotten in der Auslage haben.

Die Strasse Skadarlija in Belgrad. Hier essen abends vor allem touristen in traditionellen Restaurants.

Die Strasse Skadarlija in Belgrad. Hier essen abends vor allem Touristen.

Wir schlendern durch die kopfsteingepflasterte Straße Skadarlija. Obwohl touristisch, hat dieser Ort etwas Gemütliches mit seinen traditionellen Restaurants und Bars. Weiter hinunter geht es zum Markt. Mehrere Fußballfelder groß ist dieser quirlige Umschlagsplatz für all die Waren des täglichen Lebens. Gemüse, Eier, Früchte, Nüsse – das meiste aus der Region. In den festen Häuschen Schlachter, Fisch-Läden, Käsehändler. Draußen ein Gewirr von kleinen Marktständen. Hunderte Händler mit tief geschnittenen Lebenslinien in den alten Gesichtern. Überall wird geplauscht. Die Atmosphäre ist markttypisch fiebrig, aber auch gelassen und vor allem freundlich.

Von westlichen Marken zu einer alten Festung

Weiter geht es durch die Fußgängerzone „Knez Mihailova ulica“. Fast alle westlichen Marken reihen sich in dieser Prachtstraße Ladentür an Ladentür. Noch hat die City von Belgrad ihr unverwechselbar eigenes Gesicht mit den vielen Straßenhändlern, Maronen-Verkäufern und kleinen Strickwaren-Boutiquen, Krimskramsläden. Aber die grellen Logos von Nike, McDonald’s, Lacoste, Zara und Armani lassen ahnen, was auf die serbische Metropole zukommt.

Männer spielen Schach im Park der Belgrader Festung.

Männer spielen Schach im Park der Belgrader Festung.

Der Weg führt uns über eine Straße auf ein Parkgelände. Und plötzlich sind wir in einer anderen Welt. Spaziergänger, Paare, alt und jung, Kinder. Sie erholen sich hier auf der grünen Landspitze, vor der die Save in die Donau mündet. Hier thront das Wahrzeichen von Belgrad, die Festung. Der historische Kern stammt wohl bereits aus dem 15. Jahrhundert. Habsburger, Türken, Österreicher und Serben haben über die Jahrhunderte gekämpft. Heute dienen die Parkanlagen den gestressten Großstädtern als Rückzugsort. Alte Männer spielen Schach, Omas schauen ihren Enkeln beim Spielen zu, Verliebte halten Händchen. Nebel zieht auf. Schön mystisch, aber dafür haben wir leider keinen Blick auf die Hochzeit der Flüsse vor den dicken Mauern.

Zurück in die Stadt und in ein Café, wärmende Getränke. Wlan? Kein Problem. Jede Gaststätte, jeder Laternenpfahl bietet hier kostenlosen Zugang zum weltweiten Datennetz. Vom westlichen Geiz mit offenen Access Points ist hier nichts zu spüren. Es ist wie in Westeuropa – nur die älteren Menschen halten Papier in der Hand. Die jungen Leute knipsen, chatten, lesen digital.

Jazz und Fusion an der Donau

wenn diese Wände sprechen könnten... Häuser mit Geschichte stehen an der Donau in Belgrad.

Wenn diese Wände sprechen könnten… Häuser mit Geschichte stehen an der Donau in Belgrad.

Wir machen uns frisch für den Abend. Ein Freund hat uns ans Ufer der Donau gebeten. Die alten Lagerhäuser sind neu belegt. Mit coolen Restaurants und stylischen Bars. Die Szene erinnert und ein bisschen an die Hafenpromenade Puerto Madero in Buenos Aires. Hier im „Iguana“ in Belgrad kann man hervorragend essen. Moderne Fusion-Küche, dazu handgemachte Jazzklänge von der Bühne. Herrlich.

Am nächsten Tag bummeln wir wieder durch die Stadt und entdecken weitere hippe Läden. Ein bisschen wie in Berlin mit seinen Popup-Stores. Im Concept-Store „Supermarkt“ sitzen junge Leute zwischen lokalen Designer-Klamotten, nippen am Latte, bequatschen Business-Ideen und hängen ihren Träumen nach. Nur an den obligatorischen Rauchschwaden erkennt man Osteuropa. Rauchen ist nach wie vor in fast allen Läden erlaubt. Niedlich: Die Schildchen für Raucher- und Nichtraucherbereiche stehen an den Tischen und Theken zum Teil direkt nebeneinander.

Wir tauchen auch noch einmal ein in die kulinarische Tradition dieses Landes. Serbien liebt, wie auch die anderen Ex-Jugo-Staaten: Fleisch. Das Lokal „Sokače“ ist eigentlich ein Kafana, eine Art serbisches Bistro. Wer Lust auf Proteine hat, kommt hier sicher zum Zug. Wir verputzen eine große Platte mit Ćevapčići (Hackfleisch in Würstchenform), Pljeskavica (Hacksteak) und anderen Köstlichkeiten. Natürlich gibts hausgebrannten Schnaps dazu. Živeli (Prost)!

Parlament der Republik Serbien

Parlament der Republik Serbien.

In Belgrad sagt man Prijatno!

Vor drei Tagen waren wir bei zwölf Grad Celsius in Belgrad gelandet. Jetzt zeigt das Thermometer genau dieses Dutzend weniger an. Doch zu Hause erwartet uns ebenfalls die Kälte. Ein bisschen traurig packen wir also die Taschen. Und rufen unseren Taxifahrer Bojan an. Ob er kommen wird? „Zehn Minuten“, dann sei er da. Und tatsächlich, der gepflegte Wagen rollt pünktlich vors Hotel. Das nächste Mal könnten wir ihn auch auf seiner für Anrufer kostenlosen Nummer kontaktieren, sagt er. So ein Service sei doch selbstverständlich. Zufrieden steckt Bojan die 13 Euro inklusive der wohlverdienten Extra-Dinars ein, während er uns ins Terminal hinterher winkt.

Eigentlich gibt es keine zweite Chance für einen ersten Eindruck. Gut, das wir genauer hingesehen haben. Und wir kommen bestimmt wieder. Prijatno*, Belgrad!

*Prijatno heisst eigentlich Guten Appetit, wird aber auch als Verabschiedungsformel wie “bis bald” genutzt.

Fotogalerie Belgrad, Serbien


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1 comment

  1. wirwollenreisen - der Reisebericht

    Toller Bericht!! Macht weiter so! =) Grüße

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